Textatelier
BLOG vom: 15.07.2011

Einige Emmentaler Eindrücke: Wo Gotthelfs Käthi daheim war

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
Wenn ich mir vorzustellen versuche, wie das Emmental eigentlich aussieht, ziehen zuerst einmal die stattlichen Bauernhöfe vor meinem geistigen Auge vorbei. Sie bestehen aus dem Bauernhaus unter dem wuchtigen Dach, manchmal ergänzt durch ein Backhaus, einen Speicher und das Stöckli, dem Wohnhaus für die Älteren, die Eltern des jüngsten Sohns, der den Hof jetzt führt. Ein solcher Hof ist ein kleiner Weiler, eine landwirtschaftliche Vielzweckanlage, die beinahe autonom funktioniert. Selbst das Generationenproblem ist hier elegant gelöst – man möchte schon von unübertrefflich sprechen. Tatsächlich gab es Zeiten, in denen in der kompakten Einheit des Hofs nur für den Eigenbedarf gearbeitet und produziert wurde, weil es kaum Abnehmer für landwirtschaftliche Erzeugnisse gab. Dadurch kam es auch zu keinen Pendlerströmen, die heute eine Folge einer gedankenlosen Konzentration ohne Rücksicht auf Produktions- und Verbrauchsstandort zurückzuführen sind.
 
Üppige Geranien vor den Fenstern beweisen zusätzlich zur Architektur, die auf Zweckmässigkeit und Schönheit bedacht ist, ein ausgeprägtes Schmuckbedürfnis, die Liebe zum Detail. Diesen Inbegriff des Geborgenseins verstärkt die manchmal sanft hügelige, dann wieder stotzige Landschaft, deren regellose Formen (Höger und Krächen, wie die Emmentaler sagen) weit weg von einem Schematismus sind. Die Welt der Emmentaler ist für sie jeweils auf eine Mulde, eine Talschaft oder eine Terrasse geschrumpft. Hier ist man daheim, souverän (Gotthelf: „souveräne Majestäten“) – die weite Welt mit ihren Verirrungen kann ihnen gestohlen bleiben. Die Menschen sind an die Landschaft angepasst, bedächtig, schwerfällig, nicht leicht von ihren Meinungen und ihrem Stil abzubringen, und das ist gut so. Aber in ihrer Denkart eingeengt sind sie gleichwohl nicht, denn (laut Gotthelf) „manchmal sieht einer nebe usse weiter als einer, der zmittsinne ist“ (Einer, der nebenaussen steht, sieht manchmal weiter als einer, der sich mittendrin befindet).
 
In der Umgebung des Napfs
Das Emmental ist ein Bestandteil des grösseren Napfberglands. Es liegt auf der Ablagerungsmasse der Ur-Aare, die vor 20 bis 5 Millionen Jahren (im Miozän) hier für Umschichtungen sorgte, worauf sich die Schuttmassen zu Nagelfluh, Sandstein oder Mergel verfestigten, die selbstverständlich weiterhin durch Wasser bearbeitet wurden und werden. Mit dieser Schilderung komme ich mir etwas wie Jeremias Gotthelf in seiner Erzählung „Käthi, die Grossmutter“ vor, ohne mit dessen bildhafter sprachlicher Ausdruckskraft gesegnet zu sein. Denn Gotthelf hob, bevor er aufs Käthi zu sprechen kam, bei der Weltschöpfung hoch oben, weit über dem Napf, an und drang dann aus den unergründlichen Tiefen der zurückliegenden Ewigkeit ins Miniaturhafte der Gegenwart, seiner persönlichen Gegenwart, vor – ins Madhüsi, wo das Käthi wohnte.
 
Aus solchen Bildern kann man sich die Vorstellung vom Emmental zusammenschustern. Und sie stimmt im Wesentlichen. Als ich am 09.07.2011, vom Biosphärenreservat Entlebuch herkommend, via Schüpfheim und Escholzmatt und bei Wiggen nach rechts (Westen) abdrehend der Ilfis entlang ins Oberemmental einfuhr, bestätigten sich solche Bilder einmal mehr, die durch schöne alte Holzbrücken angereichert werden. Wenn man sie mit kantigen Holzschnitten einfängt, wie man sie in vielen Gotthelf-Büchern findet, ist das besonders passend.
 
In Trubschachen
Im Dorf Trubschachen (1420 Einwohner) machte ich den ersten Halt. In der Umgebung sind unwegsame Täler (Gräben), und dazwischen ragen Bergrücken (Eggen genannt) auf. Das Dorf im Talgrund versteckt seine Wohlhabenheit nicht. Besonders eindrücklich sind die beiden Mauerhofer-Häuser und der Gasthof Bären mit seiner beschrifteten Barockfassade und der stark geschweiften Ründe im Dorfkern. Die 1892 auferstandene Kirche mit dem hölzernen Vorzeichen fügt sich unaufdringlich in den Dorfkern ein. Nicht ganz stilrein ist die hier ankommende, kanalisierte Trueb, aber man weiss schon, wieso man so hohe Mauern machen musste – die vom Wasser beschleunigte Evolution ist nie zu Ende.
 
Auf der Suche nach der Dorfkäserei kamen wir neben der Kirche mit einem älteren Ehepaar ins Gespräch, das uns mehrere Tips gab und uns empfahl, via Blapach auf den Hüpfenboden zu fahren, wo noch gekäst werde, allerdings etwas modernisiert. Leider musste ich mich aus Zeitgründen auf die Käserei der Familie Eduard Götschi im unteren Dorfteil von Trubschachen kaprizieren, die zur Mittagszeit etwas länger offenhielt, um uns freundlich und kompetent bedienen zu können. Wir fanden einen hier im Tal hergestellten Bergkäse aus Alpenmilch, der uns seither jeweils zum Morgenessen einen rassigen Start in einen neuen Tag garantiert. Im Käsereiladen werden auch Bioprodukte verkauft.
 
Beim Gespräch mit den erwähnten Leuten im Dorf Trubschachen lernte ich den Begriff Gätzischmalz kennen, der nicht einmal im Schweizerischen Idiotikon zu finden ist. Man habe diesen „Schmalz“ (geschmolzenes Fett für den Küchengebrauch) jeweils für die Rösti verwendet, erfuhr ich. „War das denn Schweinefett?“ Nein, es war das Abwaschwasser aus dem Gätzi, dem meist, ovalen kupfernen Wasserbehälter, der in den Holzherd eingebaut war ... Ein Geheimtip für ganz Sparsame. Mein Vater bezeichnete den zu dünn geratenen Kaffee als Abwaschwasser.
 
Degustieren bei Kambly
Die Frau, mit der wir neben der Kirche gesprochen hatten, war lange bei der seit 1910 bestehenden Firma Kambly (420 Mitarbeiter) am oberen Dorfeingang beschäftigt gewesen, und sie lobte deren Sinn für qualitativ hochwertige Grundprodukte; der Slogan „Qualität ohne Kompromisse“ ist somit berechtigt. Also schauten wir wieder einmal in den dortigen Fabrikverkaufsraum, der seit etwa einem Jahr wesentlich grösser ist. Man kann dort alle möglichen Varianten von Bretzeli und anderem Kleingebäck probieren und kaufen. Wir taten dies ausgiebig, um uns „ein Stück Lebensqualität“ (so Oscar A. Kambly im teuren Buch „Das Kambly-Bretzeli“) einzuverleiben. Man isst damit auch Erinnerungen, die früher in Blechbüchsen verpackt waren – die Büchsenverpackung ist noch immer zu haben.
 
Seit 1906 wurde am Bretzeli-Rezept nichts mehr geändert; die Bretzeli wurden früher in einem kleinen Holzbackofen gebacken – heute müssen moderne Anlagen in Trubschachen täglich rund 8000 kg davon produzieren können. Die Bretzelgeschichte aber ist viel älter, reicht etwa 1300 Jahre in die Vergangenheit zurück.
 
Das schweizerdeutsche Wort Bretzeli bezeichnet ein zwischen 2 geprägten heissen Eisen gebackenes, meist rundes Feingebäck. Es hat also nichts mit den Bretzeln, dem Ringbrot oder geschlungenen Laugengebäck, zu tun. Bretzeli gehören zur alten Berner Gebäcktradition. Sie bestehen aus Mehl, Butter, Zucker, Eiern, etwas Zitronenrinde und Salz. Bei den Berner Bretzeli kommt noch etwas Rahm hinzu. Und es gibt viele weitere Varianten – bis zu Bretzeli mit Knoblauch und Chili.
 
Dem Kambly-Unternehmen mangelt es somit nicht an Tradition, Fantasie, Inspiration und Kraft, diesen typischen Emmentaler Eigenschaften, die resistent gegen die Vermassung (Globalisierung) machen und nicht den Niedergang, sondern den Erfolg garantieren.
 
Im Laden fand ich auch ein knackig-krachendes, trockenes, graues Knäckebrot. Wenn man das sandige Gebäck mit dem vollen Getreidearoma isst, hat man schon beim Kauen das Gefühl, es entwickle im Mund etwas Wärme. Meine Mutter hatte solches lagerfähige Knäckebrot jeweils im Vorratschrank, in den ich manchmal einbrach. Sie wusste sehr wohl um die Täterschaft (wobei allerdings auch mein Vater in Frage kam), drückte aber alle Augen zu. Sie nahm solche Diebstähle zum Anlass, für die Hauptmahlzeiten grössere Portionen zu kochen, und als auch das nicht half, gab sie die Knäckebrot-Vorratshaltung auf. Und so lernten wir, mit Altbrot aufzuräumen, was ich heute noch tue, weil ich gelernt habe, keine Lebensmittel fortzuwerfen ... mit Ausnahme des Gätzischmalzes.
 
Hinweis auf weitere Blogs über das Emmental
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